Wer ein Leben lang ein bisschen Geld zurücklegt, kann im hohen Alter dank Zins und Zinseszins ein ansehnliches kleines Vermögen den Kindern hinterlassen, hatte es geheißen.

Wohin mit dem ersparten? Zinsen gibt es keine mehr.

Wohin mit dem ersparten? Zinsen gibt es keine mehr.

Das Ersparte, schwarz gedruckt auf ein paar Seiten, scheint wenig wert zu sein. Denn Zinsen gibt es kaum auf Einlagen. Die Europäische Zentralbank sei dafür verantwortlich.

Die Deutschen halten vehement am Sparbuch fest

Der personifizierte Schuldige ist deshalb EZB-Präsident Mario Draghi. Seit seiner Amtsübernahme im November 2011 ist Europas Leitzins von 1,5 Prozent auf inzwischen null Prozent gesunken. Wären die Zinsen auf dem Niveau vom Oktober 2011 – vor Draghis Amtsübernahme – stabil geblieben, hätten die deutschen Sparer nach Berechnungen der Deutschen Postbank AG rund 88 Milliarden Euro mehr Zinseinnahmen erwirtschaftet.

Zum Ende dieses Jahres wird die Zinspolitik jeden einzelnen Bundesbürger 2450 Euro gekostet haben. So hat es die DZ Bank jüngst ausgerechnet. Das Zentralinstitut aller Volks- und Raiffeisenbanken glaubt demnach, dass die Deutschen insgesamt 343 Milliarden Euro verloren haben: entgangene Zinsen, die sie auf ihr Vermögen bekommen hätten – wenn Europa nicht in den Krisenmodus gerutscht wäre.

Allein von 2010 bis 2015 büßten die Deutschen mit Tagesgeldkonten, Wertpapieren und Versicherungen 261 Milliarden Euro ein. In diesem Jahr kommen laut DZ Bank noch einmal 82 Milliarden Euro hinzu. Den insgesamt 343 Milliarden Euro stehen Zinsersparnisse, etwa beim Hausbau, in Höhe von lediglich 144 Milliarden Euro gegenüber.

Dabei sind niedrige Renditen für Sparer hierzulande keine Sondererscheinung, meint DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Laut Bundesbank waren in den vergangenen 40 Jahren die realen Zinsen ein Drittel der Zeit negativ und damit die Inflation höher als der Nominalzins. Der deutsche Sparer sei mit seinem Sparbuchvermögen jedoch schlecht auf die Nullzinsphase vorbereitet.

Immobilien als Antwort auf die Nullzinsen

Und in der Tat: Zwei Billionen Euro liegen laut Bundesbank praktisch unverzinst auf privaten deutschen Konten herum. Eine Umfrage des Verbandes der Privaten Bausparkassen aus diesem Jahr offenbart, dass jeder zweite Bundesbürger noch immer das Sparbuch als Geldanlage nutzt. Dahinter folgen das Girokonto, der Bausparvertrag und die Lebensversicherung. Investitionen in Immobilien kommen lediglich für 28 Prozent der Bundesbürger in Frage.

In vielen anderen europäischen Ländern sei das Lebenswerk eines Menschen ein Häuschen oder eine Wohnung, so Fratzscher. Nullzinsen wirkten sich dann kaum auf die Vermögensbildung aus.

Doch die Deutschen sind offenbar nicht unbelehrbar. Sie investieren verstärkt in Sachwerte, und Immobilien stehen in dieser Liga ganz oben. Früher war es klassischerweise der 38-jährige Familienvater, der ein Häuschen für seine Familie kaufte. Heute sind es immer mehr Rentner, die mangels Zinsen ihr Konto räumen und in Betongold investieren.

Das zeigt eine Auswertung des Immobilienportals Immobilienscout24 gemeinsam mit dem Kreditvermittler Interhyp. „Der Anteil der Über-60-Jährigen, die in Immobilien investieren wollen, ist seit 2010 tatsächlich angestiegen“, sagt Immoscout-Sprecher Marcus Drost. Lag der Anteil der älteren Immobilienkäufer 2010 im Jahresdurchschnitt noch bei 11,7 Prozent, waren es im vergangenen Jahr bereits 17 Prozent.

Schäuble kritisiert Draghi

Die Politik weiß natürlich um die Sorgen ihrer ansonsten so wohl behüteten Rentner-Klientel – und reagiert allmählich. Abgeordnete berichten von Dutzenden Briefen pro Woche, bei denen es immer um die Frage geht: Was bleibt von meinem Ersparten? „Es sind manchmal sehr emotionale Briefe, oft handgeschrieben und selten übertrieben“, erklärt der haushaltspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Eckhardt Rehberg, gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Politik müsse die Sorgen der älteren Menschen ernst nehmen. Denn je länger die Niedrigzinsphase noch anhält, umso größer werden die Probleme, meint Rehberg.

Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nimmt das Thema mittlerweile ernst, wie seine jüngste Kritik gegenüber EZB-Präsident Mario Draghi zeigt. Die Geldpolitik schaffe wachsende Probleme in Deutschland, da sie sich hierzulande nicht positiv für die Sparer auswirke und bei der älteren Generation eine „ganz schlimme Debatte“ über die Legitimation Europas auslöse.

You may also like...